Zukunft der Chemie

Die Chemische Industrie wird im Rahmen ökologischer Diskussionen gemeinhin als einer der herausragenden Problemverursacher gesehen. Dieses Urteil ist historisch gewachsen, und es gab viele bedenkliche Ereignisse, die diese Einschätzung immer wieder erneuert bzw. erhärtet haben. Ist dieses Urteil heute noch berechtigt, in einer Zeit, in der die Chemische Industrie insbesondere in den westlichen Ländern an einer Verbesserung ihres Images gearbeitet hat und die großen Katastrophen, wie sie in der Vergangenheit auftraten – man denke nur an Seveso, Bhopal, Sandoz –, selten geworden sind?

Vielleicht noch spannender ist die Frage, ob man sich die in Deutschland existierende und ökonomisch leistungsfähige Industriebranche auch als positive Möglichkeit der Problemlösung vorstellen kann. Kann es einen Korridor geben, in dem ökonomische und ökologische Chancen zusammengehen, vielleicht sich sogar gegenseitig bedingen? Die Diskussion über einen Chancenkorridor klingt akademisch, sie ist angesichts der globalen Herausforderungen, die unser heutiger Ressourcenverbrauch nach sich zieht, eine Notwendigkeit geworden. Jedes Jahr verbrauchen insbesondere die Industrienationen immense Erdölmengen. Deren Bildung aus Sonnenlicht und Biomasse hat auf unserer Erde einige Millionen Jahre gedauert. An diesem Verbrauch ist neben dem Mobilitätssektor auch die Chemische Industrie nicht unwesentlich beteiligt. Andererseits brauchen wir Stoffe und Chemikalien, um eben diesen Ressourcenraubbau zu beenden. Allerdings muss auch die Chemische Industrie noch ressourceneffizienter werden.

In unserer Studie Going Green: Chemie für die Heinrich Böll-Stiftung haben wir das wie folgt beschrieben:

„3.7 Fazit Status quo der Chemischen Industrie
Die Chemische Industrie in Deutschland hat in den letzten Jahren auf dem Feld der Chemikaliensicherheit Fortschritte gemacht. Allerdings wird erst durch die vollständige Umsetzung von REACH die notwendige Voraussetzung für eine bessere Sicherheit geschaffen sein – und hier gibt es einiges zu kritisieren, was die Bilanz der ersten fünf Jahre REACH-Umsetzung und Durchsetzung betrifft. Es muss daher nachgebessert werden. Weiter ist Augenmerk darauf zu richten, ob man die Erkenntnisse des REACH-Prozesses nicht besser nutzen kann, um schneller zu sicheren Produkten zu kommen.

Die nachteiligen Produktionsauswirkungen sind ebenfalls in den letzten Jahren deutlich weniger geworden. Hier können ein ernsthafterer Vollzug der vorhandenen Rechtsvorschriften (TA Luft) und einige Nachbesserungen auch auf europäischer Ebene zu einem insgesamt befriedigenden Zustand führen.

Die Kritikalität der Rohstoffversorgung könnte durch einen gezielten Ausbau der Nutzung von Biomasse deutlich verringert werden. Hier ist über strategische und regulatorische Maßnahmen zu entscheiden. Das relativ unverbindliche Strategiepapier der Bundesregierung (BMELV 2009) ist hierfür nicht ausreichend.

Die größten Herausforderungen liegen auf dem Feld der Ressourceneffizienz, sowohl bei der Produktion als auch bei den Produkten. Hier liegen aber auch die wesentlichen Chancen für eine Stabilisierung des Chemiestandortes Deutschland. Durch die vorhandenen Techniken und Verfahren können die bekannten Klimaschutzanstrengungen zur Einhaltung des 2°-Ziels nicht erreicht werden. Sollen diese Ziele erreicht und beim ökonomischen und sozialen Status quo keine Abstriche gemacht und vielleicht sogar leichte Verbesserungen erreicht werden, dann gelingt dies nur, wenn wir in Schlüsselbereichen der «Stoffbereitstellung», also der chemischen Produktion, durch staatliche Rahmenbedingungen flankiert neue Handlungsfelder bzw. Räume für Sprunginnovationen schaffen.“

Die sieben Handlungsfelder hierfür sind

  • Ressourceneffizienz;
  • Chemikaliensicherheit;
  • Rohstoffversorgung bzw. «feedstock change»;
  • Klimaschutz;
  • neue Akzente in der Wirtschaftsförderung;
  • Forschung und Entwicklung (Innovationsräume);
  • neue Kunststoffe (Verpackungen).

Mehr dazu in unserer Studie: