Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit

Anfänge
Das Prinzip der Nachhaltigkeit wurde erstmals 1713 von Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg (Sachsen), formuliert:
Man soll keine alte Kleider wegwerffen / bis man neue hat / also soll man den Vorrath an ausgewachsenen Holtz nicht eher abtreiben / bis man siehet / daß dagegen gnugsamer Wiederwachs vorhanden. Quelle: Jahrbuch Ökologie 2005

Diese elementare Managementregel der Nachhaltigkeit wurde allerdings in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten weitestgehend missachtet. Naturzerstörung und Ressourcenabbau nahmen zuerst nur langsam, mit zunehmender Industrialisierung aber immer schneller zu und erreichten immer größere Ausmaße. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in den aufstrebenden Industrienationen aber vielerorts Widerstand gegen die Naturzerstörung vor Ort. In dieser Folge wurde 1872 mit dem Yellowstone National Park in den USA der erste Nationalpark weltweit gegründet. Weitere Nationalparks und andere Schutzgebiete wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts eingerichtet, so die ersten Nationalparks Europas 1909 in Schweden.

Kolonialisierung
Die Suche nach wertvollen Rohstoffen (Edelmetalle, Gewürze, Farbstoffe, Getreide, Zucker), billigen Arbeitskräften (Sklaven) und neuen Absatzmärkten sowie teilweise auch religiöse Motive hatten bereits in der Antike zu Kolonisationsbewegungen (Griechen, Römer) geführt und setzte sich im Mittelalter u.a. mit den Normannen und den Wikingern sowie den Orientkreuzzügen fort. Der neuzeitliche Kolonialismus begann mit dem Übergreifen von Portugal bzw. Kastilien auf Afrika zu Beginn des 15. Jahrhunderts und setzte sich u.a. in der vorwiegend spanischen Kolonisation Lateinamerikas und der englisch-französischen Kolonisation Nordamerikas fort. In diese „Kolonialzeit“ fällt auch das so genannte „Zeitalter des Imperialismus“. Zwischen etwa 1870 und dem Beginn des ersten Weltkrieges (1914) versuchten vor allem europäische Groß- und Mittelmächte, ihre Herrschaftsgebiete weltweit, insbesondere auf Übersee-Territorien und hier vor allem Afrika („Wettlauf um Afrika“), auszudehnen. Die Hauptmotive waren auch hier vor allem wirtschaftlicher sowie strategischer Natur (machtpolitische und wirtschaftliche Durchdringung), verfügte Afrika doch über ein überwältigendes Potenzial an Rohstoffen, wie Diamanten, Gold, weiteren Erzen, Erdöl, Elfenbein, Naturkautschuk, Tee, Kaffee ... Den Abbau und Handel mit diesen Rohstoffen übernahmen dann zumeist große Unternehmen, die mit der jeweiligen Kolonialmacht oftmals eng verflochten waren.

Die Kolonialisierung war zumeist geprägt durch Entrechtung und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung. Widerstand wurde gnadenlos niedergeschlagen bis hin zum Völkermord. Indigene wurden als billige Arbeitskräfte eingesetzt, unter teils gesundheitsschädlichen oder extrem riskanten Arbeitsbedingungen. Die Lebenssituation der Indigenen war (und ist oft auch heute noch) gekennzeichnet durch extreme Armut und Hunger, unhygienische Lebensbedingungen, hohe Sterblichkeit von Kindern und Müttern, Seuchen, Analphabetismus, fehlende Bildungschancen, Ausbeutung (Kinderarbeit) sowie Unterdrückung von Frauen und Mädchen. Bei der Gewinnung bzw. dem Abbau der heimischen Rohstoffe wurden und werden zudem wertvolle Naturressourcen zerstört, den Menschen ihre karge Lebensgrundlage (z.B. Landwirtschaft, Viehhaltung, Jagd) weiter beschnitten oder genommen (z.B. Abholzung der tropischen Regenwälder) und erhebliche Mengen an Schadstoffen in die Umwelt (Schwermetalle, Pestizide ...) freigesetzt. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wurden ausgerottet, weil ihr Lebensraum zerstört wurde.

Mit fortschreitender Industrialisierung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nahm die Gefährdung der natürlichen Umwelt durch Vergiftung und Zerstörung globale Ausmaße an. Zugleich drohte eine Überbevölkerung des Planeten.

UN-Generalsekretär Sithu U Thant, 1969:
Ich will die Zustände nicht dramatisieren. Aber nach den Informationen, die mir als Generalsekretär der Vereinten Nationen zugehen, haben nach meiner Schätzung die Mitglieder dieses Gremiums noch etwa ein Jahrzehnt zur Verfügung, ihre alten Streitigkeiten zu vergessen und eine weltweite Zusammenarbeit zu beginnen, um das Wettrüsten zu stoppen, den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben. Wenn eine solch weltweite Partnerschaft innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht zustande kommt, so werden, fürchte ich, die erwähnten Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, dass ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt. [Meadows D., Meadows D., Zahn E., Milling P.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. rororo Sachbuch, Reinbek, August 1973, hier S. 11]

Die Grenzen des Wachstums
Die Befürchtungen der Vereinten Nationen wurden gestützt durch eine Studie des MIT (Massachussets Institute of Technology), die auf Initiative von und mit Unterstützung des Club of Rome entstanden war und von diesem im Frühjahr 1972 veröffentlicht wurde. In „Limits to Growth“, hier bekannt als „Die Grenzen des Wachstums“, wurde mittels Computersimulation und basierend auf der Entwicklung verschiedener hypothetischer „stabilisierender“ politischer Maßnahmen die weitere Entwicklung der Welt im Hinblick auf Wirtschaft, Bevölkerung, Ernährung, Ressourcen und Umweltverschmutzung berechnet. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: ein katastrophaler Abfall in der Weltbevölkerung und des Lebensstandards innerhalb von 50 bis 100 Jahren, wenn die gegenwärtigen Trends anhielten. Als Gegenmaßnahme forderten die Autoren einen geordneten und kontrollierten Übergang vom Wachstum zu einem weltweiten Gleichgewicht.

UNO-Konferenz 1972 in Stockholm
Aufgeschreckt durch diese Warnungen kam die internationale Staatengemeinschaft zur ersten UNO-Konferenz über die menschliche Umwelt vom 5. bis 16. Juni 1972 in Stockholm zusammen. Es nahmen rund 1.200 Vertreter aus über 110 Staaten teil. In der von den teilnehmenden Industrie- und Entwicklungsstaaten erarbeiteten gemeinsamen Deklaration von Stockholm [Declaration of the United Nations' Conference on the human environment (1972)] bekannte sich die Weltgemeinschaft nicht nur gegen Apartheid, Rassentrennung, Diskriminierung, koloniale und andere Formen der Unterdrückung und Fremdbestimmung, sondern erstmals auch zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Umweltschutz.

Principle 2: The natural resources of the earth, including the air, water, land, flora and fauna and especially representative samples of natural ecosystems, must be safeguarded for the benefit of present and future generations through careful planning or management, as appropriate.

Im Anschluss an die Konferenz wurde das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gegründet, das bis zum heutigen Tag die führende Umweltorganisation der Welt ist. Der Auftakttag dieser Konferenz, der 5. Juni, ist seither der internationale Tag der Umwelt. In der Folgezeit wurden auf internationaler Ebene mehrere länderübergreifender Abkommen zu Schutz und Erhalt der Umwelt getroffen, u.a.
1973 Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES)
1973 Konvention zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL)
1979 Weltklimakonferenz, in Genf
1985 Wiener Konvention zum Schutz der Ozonschicht (Ursprung des Montrealer Protokolls)
1987 Internationale Konferenz zum Schutz der Ozonschicht, Montreal

Brundtland-Report 1987
1983 richtete die UN-Vollversammlung die „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“ ein, unter Vorsitz der ehemaligen Umweltministerin und damaligen Ministerpräsidentin von Norwegen, Gro Harlem Brundtland. Die Brundtland-Kommission erhielt den Auftrag, einen Perspektivbericht zu einer langfristig tragfähigen, umweltschonenden Entwicklung im Weltmaßstab bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus zu erarbeiten. 1987 veröffentlichte sie ihren als Brundtland-Report bekannt gewordenen Zukunftsbericht „Our Common Future“ - „Unsere gemeinsame Zukunft“. Erstmals wurde in diesem Bericht das Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ als Alternative zu einer Entwicklung, die nur auf ungezügeltem Wirtschaftswachstum beruht, formuliert. Die Kommission versteht darunter eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung dauerhaft zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen.

Das Kommissionskonzept einer nachhaltigen Entwicklung bildete zum ersten Mal die Grundlage einer übergreifenden globalen Politikstrategie. Bislang getrennt betrachtete Problembereiche wie u.a. Umweltverschmutzung in Industrieländern, globale Hochrüstung, Schuldenkrise, Bevölkerungsentwicklung und Wüstenausbreitung in der Dritten Welt wurden in einem Wirkungsgeflecht gesehen, das durch einzelne Maßnahmen nicht würde gelöst werden können. Nach Prüfung des Berichts forderte die UN-Vollversammlung die Einberufung einer Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung - die Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992, auch bekannt als der 1. Erdgipfel.

Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992
Ziel der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro war es, die Weichen für eine weltweite nachhaltige Entwicklung zu stellen. Dabei war insbesondere die Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt und die Rückkopplung weltweiter Umweltveränderungen auf sein Verhalten bzw. seine Handlungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. Schlussendlich kamen in Rio fünf zentrale „Dokumente“ zustande, die als erfolgreicher Schritt für eine globale Umwelt- und Entwicklungspartnerschaft gelten:

  • Die Deklaration von Rio über Umwelt und Entwicklung
  • Die Klimaschutz-Konvention
  • Die Artenschutz-Konvention
  • Die Walddeklaration
  • Die Agenda 21

Millenniumsziele 2000
Allerdings ist die Welt immer noch in der Anfangsphase auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung, und auch Rückschläge sind nicht ausgeblieben. Vor dem Hintergrund weiter zunehmender Verelendung in zahlreichen Entwicklungsländern, der anhaltenden Benachteiligung von Frauen in vielen Staaten und der fortschreitenden Umweltzerstörung haben die Vereinten Nationen auf dem Millenniumsgipfel 2000 in New York acht so genannte Millenniumsziele beschlossen, die bis 2015 erreicht werden sollen, siehe Millenniumkampagne). Dies sind

  • Bekämpfung von extremer Armut und Hunger
  • Primarschulbildung für alle
  • Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen
  • Senkung der Kindersterblichkeit
  • Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter
  • Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten
  • Ökologische Nachhaltigkeit
  • Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung.

Dies liest sich, als ob die Kolonialzeit gerade erst zu Ende gegangen wäre. Es erfordert Anstrengungen auf allen Seiten, insbesondere der Unternehmen und der industrialisierten Staaten, um dem Erreichen dieser Ziele näher zu kommen.

Es gibt auf der Welt ausreichend Ressourcen und technologisches Knowhow, um den globalen Wohlstand gerecht zu verteilen. Die Millenniumentwicklungsziele der UN sind nicht zu ehrgeizig. Es mangelt einzig am politischen Willen, die erforderlichen Maßnahmen ganz oben auf die Agenden der lokalen, nationalen und internationalen Politik zu setzen.